Zielsetzung

Was kann ich wissen?

Was soll ich tun?

Worauf kann ich hoffen?

Was ist der Mensch?

Nach Kants Ansicht bildet die letzte dieser Fragen, die nach der 'Natur' des Menschen, die Grundlage für die Beantwortung der für das menschliche Wissen und Leben zentralen theoretischen Fragen. Daher ist das Vorhaben, die Gattung 'Homo sapiens' verstehen zu wollen, ganz zweifellos von großer potenzieller Bedeutung. Humanbiologie, oder biologische Anthropologie, versucht die Frage nach dem 'Menschsein' auf einer naturwissenschaftlichen Grundlage zu beantworten. Unser Institut trägt zu diesem Ziel bei durch die Untersuchung des zentralen Nervensystems (ZNS) des Menschen - vermutlich das komplexeste Organ unseres Körpers und dasjenige, das sich am stärksten von dem homologen Organen anderer Tiere unterscheidet. Wir sind der festen Überzeugung, dass der Reichtum unterschiedlicher Verhaltensweisen, Gefühle und Erlebnisse auf der Funktion des Gehirns beruht. Unsere eigene Forschung konzentriert sich auf diejenigen Anteile der menschlichen Großhirnrinde, die sich mit der Verarbeitung visueller Signale befassen. Diese Areale machen etwa ein Drittel der gesamten Großhirnrinde des Menschen aus - offensichtlich ist 'Sehen' eine wichtige Funktion für uns, denn ansonsten würde nicht ein so großer Teil des Gehirns für diese Fähigkeit bereitgestellt werden.

Die Abteilung für Human-Neurobiologie verfolgt zwei Ziele. Das erste besteht in der Untersuchung des gesunden Sehsystems, d. h. in Grundlagenforschung auf dem Gebiet der visuellen Wahrnehmung. Dazu werden überwiegend Verhaltensexperimente mit Hilfe psycho-physischer Methoden durchgeführt, zusätzlich Registrierungen der Augenbewegung sowie der Auge-Hand-Koordination. Diese Untersuchungen werden kombiniert mit Vielkanal-EEG-Ableitungen, sowie insbesondere mit Registrierung der aktivitäts-abhängigen Hirndurchblutung mit Hilfe der funktionellen Kernspintomografie (fMRI). Das konkrete Ziel besteht darin, die ersten Stufen der visuellen Mustererkennung besser verstehen zu lernen, einschließlich der Plastizität durch Lernen. Der Schwerpunkt der Untersuchungen liegt auf sogenannten Überauflösungsleistungen, bei denen Schwellen entweder unterhalb eines Photorezeptoren-Durchmessers (bei der räumlichen Überauflösung) oder jenseits der Flicker-Fusions Frequenz (bei der zeitlichen Überauflösung, Figur-Grund-Unterscheidung und Parallel-Verarbeitung) im gesamten Sehfeld (Gesichtsfeld) erreicht werden.

Das zweite Ziel der Abteilung besteht darin, die in der Grundlagenforschung sowohl innerhalb der Abteilung als auch von anderen Institutionen erzielten Einsichten in die Funktion des visuellen Systems für die Diagnose (und dann auch die Therapie von Patienten) nutzbar zu machen, die unter Erkrankungen der zentralen Anteile des Sehsystems, also des 'visuellen Gehirns' leiden. Diese Patienten fallen in das Fachgebiet der Neuroophthalmologie und insbesondere Neurologie. Bei diesen Untersuchungen besteht das Hauptanliegen darin, neue und schnelle Methoden für das Screening sowie das quantitative Testen des Gesichtsfeldes zu entwickeln. Dazu werden elektrophysiologische, bildgebende und insbesondere neue psychophysische Technik für die Diagnose neuroophthalmologischer und neurologischer Krankheitsbilder eingesetzt. Dadurch überbrückt die Abteilung den Graben zwischen reiner Grundlagenforschung des visuellen Gehirns auf der einen Seite und klinischer Praxis auf der anderen Seite und arbeitet darauf hin, neue Techniken für die klinische Anwendung zu entwickeln.